Wieder einen Tag umsonst gelebt

Du weißt, dass du raus musst. Es geht dir wieder schlecht und dein Kopf fühlt sich einfach nur leer an. Es ist Mittag und der Fernseher läuft schon wieder. Die Fernbedienung in der Hand, den Finger immer wieder am nächsten Programm. Immer wieder bleibst du auf dem Musiksender hängen, denn der bringt einzig und allein das, was dich interessiert. Musik macht alles irgendwie leichter. Du schwingst deinen Arsch nach oben und verharrst. Schon wieder im Kopf dreht sich alles und deine eben noch ergatterte Energie schwindet dahin.

Draußen ist es echt beschissenes Wetter. Es schneit bleibt aber nicht liegen, hast keine Lust dich anzuziehen, raus zu gehen und etwas gegen die Schwere in deinem Kopf zu tun. Obwohl du genau weißt, dass du es musst. Plötzlich kommt wieder ein Gedanke – „Verdammt, ich brauche noch ein Brot“. Du schaffst es dich anzuziehen und gehst raus. Am besten ins nächste Dorf, denn so hast du viel Bewegung und dein Kopf wird auch frei. Schuhe an und einen Schritt vor die Tür. „Verdammt“ denkst du, „die falschen Schuhe an“. Also doch der Weg zum Bäcker neben an. Ein Brot und zwei Brez’n werden es diesmal. Du trottest zurück. Es ist schon halb 5 am Nachmittag und die meisten kommen von der Arbeit nach Hause. Neidisch verfolgen deine Augen die Personen in den Autos. Weiter trottest du deinen Weg in die Wohnung. „Naja, wenigstens mal draußen gewesen“, denkst du, isst eine Brezn, das Brot verschwinden zu einem dreiviertel im Tiefkühlschrank und wieder setzt du dich aufs Sofa. Aber der Fernseher bleibt aus – ein Fortschritt.

Gestern konntest du dich gar nicht hoch raffen. Ich hätte es nie gedacht, dass dich sowas mal treffen könnte denkst du und erinnerst dich an die Zeit bevor du deinen Job verloren hast und alles woran du geglaubt hast im Morast der unzähligen Gedanken verschwand. Mittlerweile ist es dunkel und um doch noch ein bisschen rauszugehen musst du in die Stadt fahren. Da sind die Straßen wenigsten beleuchtet. Morgen früh gehst du gleich los. Um neun hast du dich angezogen und bist raus aus der Wohnung. Verdammt, wieder ein Tag fürn Arsch!

Wenn die Depression dich packt

Der Schock sitzt tief. Es hat dich getroffen und das Leben bricht über dir zusammen, wie eine riesige Welle aus dem schier unendlichen Ozean voller Möglichkeiten, die das Leben für dich bereit hält. Doch diese Welle bringt nichts Gutes.

Sie ist gespickt mit Trennung vom Lebensgefährten, Kind, Wohnung und Arbeit. Der Boden unter dir beginnt zu beben und es öffnet sich unter dir eine Schlucht. Du versuchst dich irgendwie zu halten – taumelst und hältst dich an allem fest, was dir im Leben bisher halt gegeben hat. Du schaffst es irgendwie dich über Wasser zu halten, doch der Sog der schlechten Emotionen packt immer wieder an deinen Beinen und versucht dich in den Abgrund zu ziehen. Doch du kämpfst. Tage, Wochen und Monate vergehen.

Die Beziehung ist dahin – versuchst wenigstens das Verhältnis zu deinem Kind stabil zu halten. Ein neues Gefühl ist dein täglicher Begleiter geworden. ANGST. Angst davor, dass wieder eine Welle kommt, die dich mit voller Wucht trifft. Die neue Arbeit ist ok, sie hält dich am Leben, ernährt dich und finanziert das Dach über deinem Kopf. Aber Heimat ist es nicht. Auch nach Monaten ist da noch immer dieses schreckliche Loch, dieser tiefe Abgrund über dem du im Spagat hängst, mit den Armen strauchelst und es irgendwie hältst du das halbwegs das Gleichgewicht. Die Gedanken an dein Kind halten dich am Leben und du gibst alles was du hast um ihn zu sehen. Es reicht ein sanfter Stoß aus dem Hinterhalt und das fragile Konstrukt, was dich am Leben hält stürzt über dir zusammen – das weißt du genau. Suchst nach Halt und greifst nach allem, was dir ein bisschen halt bietet. Eine neue Liebe könnte funktionieren.

Du steigerst dich rein und willst wieder so fühlen, wie du schon einmal gefühlt hast. Es funktioniert. Du belügst dich selbst und deinen neuen Partner dazu. Er weiß es aber nicht und kann dir deswegen mit seiner Liebe Halt geben und ist dein Rettungsring, an den du dich klammerst. Doch dein Herz stößt ihn immer wieder ab wie ein transplantiertes Organ und sagt dir, dass es nicht der richtige Weg ist. Kopf und Herz sind im handfesten Streit. Es zermürbt dich – schon wieder. Aber die Gedanken sind nicht mehr in der Vergangenheit. Irgendwie hat es sich darüber gestülpt. Die alten Leiden sind verdeckt und nicht mehr so sichtbar. Wie der Deckel vom Kochtopf hält er das brodelnde Wasser zurück und klappert vor sich hin. Es ist zu locker und findet keine Ruhe. Die Liebe kann nicht wachsen, weil die Suppe der Vergangenheit immer weiter brodelt und immer wieder einen Weg findet, ans Licht zu kommen. Es nagt an dir und dein Spagat über dem Abgrund bringt dich zum Kippen. Dein Kopf hängt schon unten, doch die Zehen an deinen Füßen krallen sich tief in den Fels – halten dich irgendwie noch immer oben. Du willst nicht stürzen. Nicht noch einmal fallen. Denn das Wasser ist schon über dir – dein Notfallprogramm läuft. Mit Sauerstoffgerät und Tauchermaske versuchst du durchzuhalten. Du weißt, dass dein Konstrukt nicht halten kann und deine Situaltion keine Alternativen zulässt.

Dein Blick fällt auf deine Füße und Zehen, wie sie sich im Fels verankert haben. So viel Zeit ist schon vergangen und erst jetzt erkennst du wirklich wo du gelandet bist. Links der Fels, der Arbeit und Kind erhält, rechts deine neue Beziehung. Vereinen kannst du sie jetzt nicht. Von einem musst du dich trennen. Anders kannst du die Kluft nicht überwinden. Doch wie entscheidest du dich? Links läufst du über Scherben, Dornen und Hürden. Aber es liegt ein feiner, berauschender Duft in der Luft. Es riecht nach Hoffnung und einer neuen, wenn auch unbekannten Zukunft. Gehst du nach rechts, siehst du, wohin der Weg dich führt. Irgendwo ist auch eine neue Arbeit, aber diese zeichnet sich noch nicht einmal am Horizont ab. Doch irgendwie ist diese Seite flach, öde und fad. Genauso weißt du, dass du dich immer wieder nach der linken Seite umdrehen wirst, weil sich eine Wurzel von der anderen, der richtigen Seite, um deinen Fuß gewickelt hat und dich nicht gehen lässt. Ein paar Meter schaffst du im aufrechten Gang doch dann zieht es sich wie Gummi und lässt dich zu Boden gehen. Dein Vorankommen wird immer schwerer bis du wieder kollabierst. Also was machst du?

Du hängst kopfüber in der Schlucht und beginnst zu schaukeln, konzentrierst dich auf die linke Seite und lässt das Leben auf der rechten Seite los – es klemmt. So fest verankert, fest gekrallt und fast schon versteinert. Dein Innerstes schreit nach Freiheit.  Der Fels auf der rechten Seite lässt nicht los, umgarnt dich mit einem betörenden Gesang, streichelt Gesicht und liebkost die Lippen. Du öffnest die Augen und siehst plötzlich schöne Dinge, so schön, dass sie die Einsamkeit auf der anderen, aber richtigen Seite völlig in den Schatten stellt. Du verharrst, aber die Wurzel auf der anderen Seite – sie zieht und du willst sie vereinen. Du ziehst ebenfalls und es rückt alles ein Stück zusammen. Hoffnung breitet sich aus und der Abgrund sieht auch gar nicht mehr so tief aus. Vielleicht füllt er sich. Doch von hinten nähert sich etwas. Erst ganz leise aber wild und gefährlich sieht es aus. Wie ein verrückt gewordenes Krokodil frisst es sich durch den Abgrund und macht den Spalt noch tiefer als er jemals war. Damit hast du nicht gerechnet. Du weißt, dass es dieses gierige, alles fressende Finanzkrokodil gibt. Des Öfteren hast du es in den letzten Monaten schon gesehen. Aber noch nie war es so nah und hielt den Kurs direkt auf dich. Gesteuert von einem grässlichen Kapitän mit kaltem Blick, fest entschlossen zuzuschlagen und zu fressen. Plötzlich scheint alles ganz klar. Du hast die Gewissheit, dass mit ihm nicht zu verhandeln ist. Du musst dich jetzt retten. Mit eigener Kraft nach oben ziehen. Eine Seite loslassen und wenn nötig den Fuß abhacken, der dich an die rechte Seite fesselt. Gut du humpelst dann etwas, hast jedoch das Gefühl, dass der Fuß nachwachsen wird. Es wird eng und du schaffst es ohne Fuß auf die rechte Seite, ziehst dich nach oben und blickst über die Kante des Abgrundes. Du schaust dich um und siehst über Hürden und Steine, Dornen und hinterhältige Fallen. Aber schlimm scheinen sie nicht zu sein. Ein paar Hindernisse kennst du schon und weißt wie diese zu umfahren sind. Das fiese Krokodil ist ganz nah. Sein vernichtender Atem hängt dir im Nacken aber es wird dich nicht fressen.

Weiter ziehst du dich nach oben und stehst nun auf der Kante. Im Rücken immer wieder die Gefahr abzustürzen. Ein nicht ungefährlicher Standpunkt aber du stehst sicher. Drehst dich noch einmal um, behältst das Krokodil im Auge und winkst der rechten Seite zum Abschied liebevoll zu und gehst los. Allein und ab und zu dein Kind an der Hand. Ohne die 4000 Euro, die es beim überqueren von „Los“ gibt. Hoffnungsvoll und unbeirrt gehe beschreitest du deinen Weg und atmest auf, schöpfst Kraft in der Zeit, wenn dein Kind an deiner Hand ist, denn dann kann dir nichts passieren. Gefüllt mit einer Menge Optimismus, Liebe und Forschergeist schreitest du voran – blickst nicht zurück und es fühlt sich an, als hättest du die Reset-Taste gedrückt. Die Gefahren der Vergangenheit können dir nichts mehr anhaben. Sie sind noch da, aber zerren nicht mehr an dir.

Der Abgrund, so tief und schier unendlich er auch war, er ist fern und du kannst ihn kaum noch erkennen. Sanft fast schon liebevoll berührt dich eine unsichtbare Hand von hinten. Sie fühlt sich traurig, zerbrochen und kalt an. Sie will mit dir gehen. Du fragst sie nach ihrem Namen und ob sie sich zeigen will – weiter nach vorne blickend tastest du nach der von hintenkommenden Hand und den Arm. Der Arm ist lang und deine Hände finden keinen Körper. Du erschrickst vor der Länge des Arms. Es ist die andere Seite, die mich nicht loslassen will. Ich verharre und setze mich. Der Boden unter mir wird brüchig – Er darf nicht reißen!